Herausforderndes Verhalten von Menschen mit geistiger Behinderung: Neue Wege der Begleitung und Förderung
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Problemverhalten "anders gesehen"
• • • • •   (bewertet mit 5 von 5 Punkten)

Rezension bezieht sich auf: Herausforderndes Verhalten von Menschen mit geistiger Behinderung (Taschenbuch) Das Buch – kurz:

In diesem Buch will der Autor aufzuzeigen, wie es möglich sein kann, daß Menschen mit sogenanntem "Problemverhalten" wieder in ein normales Leben zurückfinden können. Ziel soll es dabei nicht sein, einfach das problematische Verhalten zu beseitigen, indem man es dem Betroffenen "abgewöhnt". Es geht vielmehr darum, daß der betroffene Mensch zu jenem Maß an Sicherheit zurückfindet, das es ihm ermöglicht, wieder normal mit seiner Umgebung in Beziehung zu treten, wodurch das Problemverhalten überflüssig wird. Wobei mit "Sicherheit" gemeint ist, daß der betroffene Mensch schrittweise lernt, wieder Vertrauen zu sich selbst und zu den Menschen in seiner Umgebung zu fassen; daß er lernt, daß er sehr wohl Einfluss auf sein Umfeld ausüben kann; daß er lernt, daß er seinen problematischen Verhaltensmustern nicht hilflos ausgeliefert ist, und daß er wieder zu einem einigermaßen stabilen emotionalen Gleichgewicht zurückfindet.

Persönliche Stellungnahme:

Mich hat eine Stelle gleich zu Beginn des Buches besonders gefesselt: Nämlich die, in der der Autor schreibt, daß hinter all den uns bizarr und erschreckend erscheinenden Verhaltensmustern Menschen stehen, die grundsätzlich "nicht anders fühlen und wollen als wir selbst". Das heißt für mich: Es ist nicht notwendig, sich in eine fremdartige, beängstigende oder rätselhafte Welt hineinzuversetzen, wenn man Menschen, die sich auffällig verhalten, verstehen will. Für den betroffenen Menschen ist sein Verhalten eine angemessene Reaktion auf seine Gefühle der Angst, Unsicherheit und Hilflosigkeit. Gefühle die wir in gleicher Form erleben, nur mit dem Unterschied, daß wir Wege gefunden haben, nicht so extrem reagieren zu müssen.

Dieser Einstieg in die Thematik war für mich schon ein sehr positiver und konstruktiver. Ich finde es auch sehr gut, daß der Autor großen Wert darauf legt, "Problemverhalten" so wertfrei wie möglich darzustellen. Daß im Buch konsequent der Begriff "Mensche mit festgefahrenem Verhalten" verwendet wird ist für mich ein tolles Gegenbeispiel zu furchtbaren Unworten wie "verhaltenskreativ", weil mit ersterem Begriff etwas tatsächlich wertungsfrei benannt wird, anstatt etwas für alle Beteiligten schmerzhaftes und destruktives krampfhaft positiv benennen zu wollen.

Es war für mich ein wichtiger Denkanstoß, daß hinter einem auffälligen Verhalten in der Regel eine sehr verletzliche und unsichere Person steht, mit einem ganz geringen Selbstwert und einem ganz geringen Selbstvertrauen. Wenn ich von diesem Ansatz ausgehe, dann kann ich für mich wesentlich konstruktivere Strategien zum Umgang mit diesem Verhalten entwickeln, als wenn ich in den üblichen Schienen wie "er/sie will ja nur Aufmerksamkeit" oder "er/sie spielt irgendwelche Spielchen" gefangen bin.

Und wenn man genau darauf achtet, dann kann man die im Buch gezeigten Symptome von Unsicherheit und geringem Selbstwert nicht nur bei Personen erkennen, die sich offenkundig auffällig verhalten. Sondern auch bei ganz "normalen" und "unauffälligen" Bewohnern, wie sie versuchen, sich an mich zu "hängen" anstatt auf eigenen Beinen zu stehen. Zum Beispiel mit dem scheinbar harmlosen Satz "war ich heute brav?". So denke ich, kann dieses Buch nicht nur bei "schweren Fällen", sondern bereits im ganz normalen und scheinbar unauffälligen Alltagsleben eine große Hilfe sein, wie man als Betreuer den Bewohnern zu mehr Sicherheit und damit mehr Lebensqualität verhelfen kann.

Wesentliche Aussagen des Buches:

Hinter festgefahrenen Verhaltensweisen steht in der Regel eine sehr schwache, unsichere und verletzbare Person.

Im Umgang mit festgefahrenen Menschen muß man dazu bereit sein, sich selbst und seine bisherigen Sichtweisen zu hinterfragen, und dem betroffenen Menschen sein Verhalten nicht übel zu nehmen.

Festgefahrenes Verhalten führt zu einem sich selbst verstärkenden Kreislauf aus Anlass und Folgen, in dem sowohl die festgefahrene Person, als auch das Umfeld immer mehr in ihren Möglichkeiten eingeschränkt werden und sich so noch mehr festfahren.

Dennoch gibt es bei festgefahrenen Personen immer noch Ansätze zum Selbstschutz bzw. zur Selbstkontrolle.

Die Behandlung betrifft nicht nur den festgefahrenen Menschen, sie ist vielmehr ein Veränderungsprozess des gesamten sozialen Systems, in dem der Betroffene steht. Dabei ist es entscheidend für den Erfolg, die gesamte Situation sehr genau zu betrachten und abseits der gewohnten Muster neu kennenzulernen, um Lösungsansätze zu finden. Diese Methode wird vom Autor "anders hinschauen" genannt.

Videoanalyse ist ein sehr wichtiges Hilfsmittel, um die für eine solche Neubeurteilung notwendige Distanz herzustellen.

Ziel ist es nicht, festgefahrene Verhaltensweisen zu beenden, sondern die persönliche Entwicklung des betroffenen Menschen wieder in Gang zu bringen, ihn also aus seiner festgefahrenen Situation wieder herauszuführen, und damit das festgefahrene Verhalten "überflüssig" zu machen.

Dabei sind vier Problemfelder von entscheidender Bedeutung: Die festgefahrene Person muß lernen, daß sie Einfluß auf ihre Umgebung ausüben kann, sie muß erkennen, daß man anderen Menschen grundsätzlich vertrauen kann, sie muß lernen, mit dem Problemverhalten umzugehen, und sie muß schließlich wieder in ein emotionales Gleichgewicht zurückfinden.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 19. April 2002
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